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Obwohl ich in meiner letzten Kolumne feierlich beschlossen habe, mich voll und ganz meinem Bachelor zu widmen wie eine Nonne ihrem Rosenkranz, ist dieser Vorsatz etwas verdrängt worden. Hey, vielleicht passiert es auch Nonnen, dass sie beim Beten plötzlich denken, dass Jesus in seinem kleinen Leinentüchlein nicht schlecht aussieht. Wer weiß?

Die Gedanken, die mich von Hausarbeiten und Klausuren ablenken, sind weniger blasphemisch, aber dennoch waren sie nicht einkalkuliert: Ich habe da jemanden kennengelernt. Klassiker. Weniger klassisch: Derjenige hat weder Whatsapp, noch Facebook – dafür hatte ich zwei Tage später einen Brief in meinem Briefkasten und ein Lächeln im Gesicht.

 

Seitdem schreibe ich also sehr fleißig – nur eben nicht an Hausarbeiten und Essays, wie ich es mir hoch und heilig geschworen hatte, sondern an kleinen Briefen auf lila Papier, die ich dann fest an meine Brust gedrückt barfuß fünf Türen weiter trage und in seinen Briefkasten werfe, bevor ich schnell auf dem warmen Pflasterstein wieder zurück nach Hause husche.

 

 

Woran liegt es, dass wir Seltenes so viel mehr wertschätzen? Wieso freue ich mich über einen Brief so viel mehr als über eine SMS? Nostalgie?

Ich glaube, dass der Wert solcher kleinen Besonderheiten nicht zwingend an ihrer Seltenheit liegt, sondern an der Botschaft, die dahinter steckt: Jemandem ist die Kommunikation mit mir wichtig genug, sich hellblaues Briefpapier zu kaufen, sich Zeit zu nehmen, mir in unbeholfener Schreibschrift eine Botschaft zu schreiben und diese dann zu mir zu tragen.

 

Einer desillusionierten Person wie mir bereitet das zumindest ein klein bisschen Zweifeln an meinem Liebespessimismus. Nur ein klitzekleines bisschen.

Und wenn ich nach dem Aufwachen barfuß und halbnackt durch unseren Hausflur zum Briefkasten tappse, könnte man beinahe meinen, dass da eine Optimistin durch den Flur hüpft.

 

Titelbild: Alexandra Person via www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)

 

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