Abgesagt.

„Bist du bescheuert?“ „Wieso machst du sowas denn?“ „So eine Chance bekommst du nie wieder!“

Ja, das stimmt wohl alles. Vielleicht bin ich bescheuert und ganz sicher werde ich diese Chance nicht wieder bekommen, aber ich habe es trotzdem getan und auf das Warum habe ich auch eine Antwort. Worum es geht? Ich sollte in diesem Monat ein Praktikum in der Regionalredaktion eines großen Privatfernsehsenders beginnen. Sollte? Wollte? Musste? Whatever. Ich habe es nicht getan. Ich habe abgesagt. Ich habe ein Praktikum abgesagt, um das sich wahrscheinlich zahlreiche andere Studenten, die „irgendwas mit Medien“ machen wollen, reißen würden. Und ich? Ich eben nicht.

Ganz von vorne: Ich studiere Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation, zu Englisch Public Relations. Bevor ich damit anfing, machte ich ein Praktikum in einer kleinen Werbeagentur, aus dem dann eine Ausbildung werden sollte. Von der Ausbildung hielt mich ab, dass ich mit gerade mal 20 hautnah, live und in Farbe miterleben durfte, was es heißt, sich ausbeuten zu lassen. Ja, ja, ja ich weiß: Die Branche ist hart. Es gibt zu viele, die rein wollen. Und die, die nicht reinpassen, selektieren sich selbst aus oder werden ausselektiert. Dass das alles kein Wellnessurlaub werden würde, war mir klar. Aber ich bekam zunächst keinen Cent, arbeitete mehr als 60 Stunden die Woche und gab mit 20 Freunde und Familienleben auf. Ich habe mich da ein halbes Jahr durchgeprügelt und bin dann ins Studium „geflohen“.

Ich wollte schon immer schreiben und reden, Menschen nerven, Menschen zutexten, Geschichten hinter Menschen erfahren. Ja das wollte ich und ja, das will ich noch immer. Ich habe Bock drauf, ich mag mein Studium (das Studieren an sich weniger) thematisch, ich will das alles ja. Ich bin auch nicht naiv und weiß, dass Ziele sich nur mit harter Arbeit erreichen lassen.

topf03bklAber ich bin schlicht und ergreifend nicht bereit dazu, um jeden Preis für etwas zu kämpfen, was ich dann vielleicht doch nicht erreichen kann und dafür mit Anfang 20 schon mein Leben aufzugeben. Denn wenn ich das jetzt schon tue, was und wo bin ich dann mit Anfang 30, Anfang 40, Anfang 50? Ständig heißt es, dass Praktika viel wichtiger seien als gute Noten. Alle wollen zahlreiche praktische Erfahrung, für jede Erfahrung, die man sammeln möchte, sollte man aber am besten schon 33 Erfahrungen davor gemacht haben. Und wenn die Noten dann schlecht sind? Wenn die Noten schlecht sind, weil einem kaum Zeit bleibt, sich auf beides zu konzentrieren? Wenn die Noten schlecht sind, weil man auch einfach einmal durchatmen muss, wenn man Erfahrungen sammelt um Erfahrungen sammeln zu können? Nein, das ist keine Rechtfertigung, meine Noten sind sehr gut. Aber ich würde meinen Arsch drauf verwetten (wenn der mir nicht so heilig wäre), dass bei der Suche nach Erfahrung für noch mehr Erfahrung doch eine kritische Nachfrage käme: „Frau H., das ist ja alles gut und schön. Aber wie sollen wir mit den Noten denn an ihre Fähigkeiten glauben?“

 Zurück zu meinem Praktikum. Was mir während meines Studiums unter anderem klar wurde, ist, dass ich gar nicht zum Fernsehen möchte. Ich möchte viel lieber schreiben. Ich mag den Printjournalismus, aber das ist mittlerweile ein sehr unsicheres Pflaster (zu viele, es gibt überall zu viele…). Ich möchte in eine Pressestelle, ich möchte in ein Unternehmen, aber die andere Seite, DIE Medienbranche, ist mir gar nicht mehr geheuer. Ja, den Schuh ziehe ich mir an: Ich hätte mich ja gar nicht erst bewerben müssen. Warum hab ich das gemacht? Ich wollte wissen, ob es klappt. Ich wollte meinen Marktwert testen (schließlich hab ich ja schon etwas Erfahrung für die Erfahrung gesammelt) und irgendwie dachte ich, dass es sicher eine coole Zeit würde. Und natürlich habe ich Zukunftsangst. Jeder Student kennt das (und sicher auch jeder Nichtstudent). Man bekommt ja auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit eingebläut, dass man sich bloß um jeden Preis von „den anderen“ abheben muss. Seien Sie besser, seien Sie schneller, machen Sie mehr Praktika, verkürzen Sie ihr Studium so weit es geht, gehen Sie ins Ausland!

Nunja. Je näher das Ganze rückte, desto größer wurden die Bauchschmerzen. Es wäre mitten im Semester gewesen und dazu unbezahlt. Mindestlohn? Erst nach über drei Monaten. „Ja, Frau H., also mehrere Monate wären schon möglich, aber machen wir doch lieber zwei. Das passt irgendwie besser.“ Haha. Zehn Stunden umsonst am Tag arbeiten, abends Vorlesungen nacharbeiten, am Wochenende der Nebenjob. Und dazu das Studium verlängern für ein Praktikum in einer Branche, in die ich gar nicht mehr wirklich möchte. Mir wurde übel und ich bekam Angst. Ich war wütend auf mich, dass ich das nicht vorher überlegt hatte, aber ich wollte auch nicht um jeden Preis etwas tun, nur weil andere sich darum reißen würden.

Unterstützen dich deine Eltern denn nicht? Das wird ja wohl machbar sein, ein paar Monate nicht zu arbeiten.“ Doch, doch das tun sie. Meine Eltern geben alles für uns, was sie nur können. Aber verhungern sollen die beiden ja wohl auch nicht. Und was mir neben Geld von ihnen auch noch mitgegeben wurde: Werte. „Achso, deine Eltern sind gar keine Akademiker. Hm. Verstehe. Ja dann…“. Ja dann. Meine Eltern sind aber mindestens Fachleute für Familienangelegenheiten und seelische Unterstützung. Und für mich gilt es deshalb nicht, um jeden Preis immer höher zu kommen, härter zu arbeiten und mehr zu erreichen. Nicht um jeden Preis. Ich will glücklich sein. Das ist Erfolg.

Denn ich bin noch so jung. Ich bin 23, ich habe bereits Erfahrungen, ich habe gute Noten, ich bin in der Regelstudienzeit. So what? Wenn mir das Leben in den letzten Jahren eines gezeigt hat, dann dass man nur Dinge tun sollte, mit denen man sich gut fühlt. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal durch harte Zeiten gehen muss, dass man sich nicht auch mal quälen muss und durchbeißen. Aber man muss davon überzeugt sein, dass es einen weiterbringt, dass es sich lohnt. Ich werde nun erst einmal meinen Bachelor machen und mir danach ein vernünftiges Praktikum suchen. In der richtigen Branche. Länger und bezahlt. Und vor allem ohne Bauchschmerzen.

 

Titelbild: Frank M. Rafik via Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)  2. Bild: Tobias Mittmann via www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

2 Comments

  • Antworten April 3, 2015

    Margarete

    Hi!

    Ich kann nur sagen: Respekt! Solche Entscheidung verlangt Mut!
    Behalte Dir das bei und bleib bei dem, was Dir gut tut.
    Ich habe selbst 11Jahre gebraucht, um mutig zu sein.

    LG Margarete

  • Antworten Mai 4, 2015

    Pia

    Liebe Margarete,

    Danke für deinen lieben Kommentar.
    Es freut mich sehr für dich, dass auch du noch rechtzeitig bereit dazu warst, auf dich zu hören :)

    Lieben Gruß
    Pia

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