Nackt.

Wann wart ihr zuletzt nackt?

 

Ich spreche nicht von körperlicher Nacktheit, von bloßer Haut, kleinen Stoppeln, mondhügeligen Dellen, Dehnungsstreifen, die davon zeugen, wie viel mehr und wie viel größer und wie viel überlebensstärker ihr doch geworden seid.

 

Ich spreche von seelischer Nacktheit. Von purem Entblößen. Von zugekniffenen Augen, die sich an diesen Mutbeweis erst gewöhnen müssen, die sich zögernd und ängstlich blinzelnd öffnen und sehen: Ich bin nackt. Nackt.

Ich spreche von absolutem Fallenlassen, von glasklarer Ehrlichkeit, von Masken ablegen und von drei verdammt harten Worten: Das bin ich.

 

Myriam_V3Als ich vor ein paar Tagen gefragt wurde, ob ich nackt im Musikvideo eines Bekannten mitspielen würde, war meine Antwort ja.

Nackt in schönem Licht in einem von Nebelschwaden umhüllten See im Oktober baden zu gehen, das ist keine schmerzhafte, ungeschminkte, ehrliche Nacktheit. Das ist Inszenierung, das bin nicht ich, das sind meine Brüste, mein Bauch, meine Beine, das ist meine pudrig weiße Haut in Eiswasser schimmernd.

 

Wann war ich also zuletzt nackt?

 

Wirklich nackt war ich vor zwei Wochen und diese Nacktheit spüre ich heute noch auf meiner Haut.

 

Ich lag schreiend und weinend in meinem Bett, eine andere Person wortlos neben mir. Ich habe so lange geweint, bis ich dehydriert zwei Liter Wasser trinken musste, um weiterweinen zu können. Ich habe um verlorene Zukunftspläne, um all die Myris, die ich nie sein werde, um all das, was nie sein wird und um alles, was wird, geweint.

Da war kein Weglachen und kein Vortäuschen mehr. Das war ich. Und ich war nackt.

 

 

Und so stählern und hart Nacktheit auch sein kann: Man braucht sie, um sich zu reinigen. Wer sich selbst vom Boden aufklaubt, halb entkräftet und wankend auf den eigenen Beinen, der sollte den Staub von den eigenen Knien schrubben, die salzigen Tränenreste vom Hals waschen und sich nackt im Spiegel betrachten. Ein Phönix, der aus seiner eigenen Asche ersteht, putzt vor seinem Flug sein Gefieder.

 

Meine Reinigung war sieben Stunden langes Weinen, als könne ich Zweifel und Ängste in Form von Tränen aus meinem Körper spülen.

 

There must be those among whom we can sit down and weep and still be counted as warriors.

– Adrienne Rich

 

 

Jemand, der nackt ist, ist verletzlich – und gleichzeitig so voller Kraft.

Denn sich ausziehen, das ist leicht. Nackt sein, das ist die Herausforderung.

 

Foto: Oana Muntean / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

2 Comments

  • Antworten Oktober 25, 2014

    lena

    wow, das ist richtig gut geschrieben. es ist wahrhaftig eine viel größere entblößung, wenn man seine wahre persönlichkeit mit den eigenen schwächen offenbart anstatt den körper.

  • Antworten Dezember 8, 2014

    Aurelia

    Ich bin komplett überwältigt und vereinnahmt von diesen wundervollen Worten! Ich habe sie wie gebannt gelesen und immer Inneren nur genickt.

    Danke für diese wundervolle Kolumne,
    Sie ist so wahr und so schön!

    Herzliche Grüße
    Aurelia

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