Was man verpasst, wenn man in einer Beziehung ist

Wenn die Beziehung im Todeskampf röchelt und du selbst auch einige Schläge abbekommen hast, liegst du verwundet auf dem Schlachtfeld und betrachtest die rauchenden Trümmer um dich herum. Die Trümmer, wie irgendwann mal ein „wir“ waren. Damit du nicht verblutest, leckst du dir die Wunden, rekapitulierst die letzten Stunden, Tage, Wochen und versuchst aufzustehen. Und das fällt am leichtesten, wenn du dir vor Augen rufst, was du an der Beziehung (oder an dem Menschen) noch nie leiden konntest. Ob fair und reflektiert oder einfach, um den Verlust zu ertragen, denkst du daran, welche Dinge du vernachlässigt hast, welche Menschen vergessen wurden, welche Angewohnheiten ab- und welche angewöhnt wurden und was du sonst alles verpasst hast.

 

Aber was genau verpasst man, wenn man in einer Beziehung ist?

 

Wenn ich mich mal weit aus dem Fenster lehne, möchte ich behaupten: Beziehungen sind wie Schuhe. Es geht auch ohne sie, manche wollen sie gar nicht erst und laufen immer barfuß- aber letztendlich wünscht sich jeder, mal mit sauberen und geschützten Füßen durch die Gegend zu laufen. Und falls dieser Vergleich nicht allzu sehr hinkt, dann ist der unterschiedliche (Ver-)Lauf von Beziehungen selbsterklärend. Ob es ums Wohlfühlen geht, ob man sich mit einem Absatz selbst ein bisschen größer machen will, ob man sich gerne zuschnürt oder aus praktischen und pragmatischen Gründen in einer Beziehung ist usw. hängt völlig vom eigenen Geschmack und Bedürfnis ab. Aber: manchmal können sogar die italienischen Echtlederschuhe zu Blasen und Käsefüßen führen.

 

Im Sommer reizt es mich persönlich sehr, einige Tage barfuß unterwegs zu sein, aber dauerhafter Schuh- (Beziehungs-)verzicht ist nichts für mich. Und dennoch sagen viele Menschen zu mir: „Du bist noch sehr jung.“ [21 Jahre, ja. Und?] „Du kannst jetzt noch gar nicht wissen, was du später mal willst.“ [Stimmt, aber reicht es nicht, dass ich weiß, was ich jetzt will?] „…und irgendwann wirst du deine Beziehung verändern, weil du das Gefühl haben wirst, etwas zu verpassen.“ [….]

 

Ich gehöre nicht zu diesem rosaroten Prinzessinnen-Typ, der an Liebe auf den ersten Blick und Prinzen mit weißen Pferden und guten Manieren glaubt. Ich habe schon oft mitbekommen, dass Schuhe auch mal drücken können und man aus ihnen herauswachsen kann. Aber etwas verpassen? Vielleicht sind euch jetzt beim Lesen schon einige Argumente in den Sinn gekommen, die für das Single-Dasein sprechen. Der Traum von völliger Unabhängigkeit, Freiheit und den eigenen Willen ohne Kompromisse zu verfolgen ist mindestens so alt wie Beziehungen selbst. Dieses amerikanisch angehauchte Traumbild vom „Single – Mensch der unbegrenzten Möglichkeiten“ packt vermutlich jeden Mal. Am wahrscheinlichsten dann, wenn du im oben genannten Trümmerfeld sitzt und in der Eigenständigkeit einen kleinen Rettungsring aus dem Schmerz siehst. Gefangen in einem monatelangen „Wir“ hast du vielleicht deine Individualität eingebüßt.

 

„Endlich die Nacht durchtanzen, ohne Rücksicht auf müden Partner. Endlich wieder die Ernährung von gesundem Kochen auf Schokolade und Lieferpizza umstellen und beim Essen (im Bett, natürlich. Und in Jogginghose.) Sex and the City schauen. Endlich wieder völlige Privatzone, in der das Geschirr auch mal 3 Wochen ungewaschen und die Pflanzen vertrocknend rumstehen kann. Verletzbarkeit gegen Unverwundbarkeit austauschen. Und vor allem: Endlich wieder das Recht, über das unglückliche Single-Leben rumjammern zu können – Menschen in Beziehungen haben schließlich immer automatisch das Glück gefunden…“

 

…das Glück gefunden? Ist da nicht der Haken, der hinkende Schuh? Ich bin ehrlich: Auch, wenn ich die Vorstellung – ich als starke und unabhängige Frau – faszinierend finde, wohnt tief in mir drin ein hollywoodverseuchtes Rosaeinhornmädchen. Das glaubt ganz fest daran, dass eine von euch beim Lesen die ganze Zeit gedacht hat: „Aber mit Ihm an meiner Seite ist das andere doch völlig unwichtig.“ Denn wenn es kein Happy End gibt, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Und wenn ich diese Schmetterlinge im Bauch spüre und grinsend durch den Tag schwebe, dann stelle ich mir immer meinen neuen Traumprinzen auf einem weißen Pferd vor.

 

Dieser Gastartikel stammt aus der Feder von Josephine aus Halle. Die 21 Jährige besucht gern und oft Poetry Slams – verschriftlicht findet ihr ihre Gedanken und Texte auch auf ihrem Blog blueten-staub.de

Text und Bild: Josephine von Blueten Staub

4 Comments

  • Antworten Juni 23, 2014

    Saskia

    Schöner Beitrag!

  • Antworten Juni 23, 2014

    Mikki

    Der Vergleich mit der Barfüßigkeit im Singleleben gefällt mir unheimlich gut.
    Wie oft läuft man über Scherben, oder reibt sich die Haut auf?
    Und …wenn man jahrelang ohne Schuhwerk durchs Leben wandelt … Spürt man dann nicht weniger? Verhindert die Hornhaut dann nicht, dass man die Wege die man beschreitet, noch so wahrnimmt wie anfangs? Und wenn man lange Single ist und mit der Welt und sich nicht immer zufrieden ist; wenn Begegnungen bereichern oder manchmal auch verletzen und verunsichern … Hüllt man sich dann nicht auch in eine Schutzschicht? Weil man seine Verletzbarkeit nicht Jedem an den Leib werfen will, der gerade vorüberschreitet? … Wenn man in einer Beziehung ist, kann man die Schuhe zu Hause schon mal auslassen. Aber draußen, da ist man geschützt, solange der Schuh ganz ist …
    Wunderschöner Beitrag …

    • Vielen Dank! Mir gefiel dieses Bild auch sehr, da es sich ( wie du ja schon bemerkt hast) leicht ausweiten und weiterdenken lässt. Liebe Grüße

  • Antworten Juni 27, 2014

    AMI

    Super schöner Beitrag. Das mit den Schuhen ist wirklich eine gute Idee – und ein passender Vergleich.
    Obwohl ich finde, dass man auch in Beziehungen mal barfuß laufen und sich frei und unabhängig fühlen kann – schließlich hockt man ja nicht 24 Stunden aufeinander. :)

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