Freificken.

1. Die Musik durchzuckt mich von oben, während sich die Menschen um mich herum wellenförmig bewegen. Sie sind nur Masse um mich herum, Füllmaterial und ich liebe sie dafür, dass sie so irrelevant sind und mich doch nicht alleine lassen.

Nur er und ich bewegen uns plötzlich nicht mehr. Wie im Zentrum des Orkans stehen wir felsenfest in der rotierenden, schwappenden Masse.

Ich bin nicht sicher, ob es noch die Musik ist, die mich durchzuckt, oder schon er.

 

 

 

2. Als wir nach dem Club noch zu dritt im Rhein schwimmen gehen, muss ich Wollen neu definieren.

Das ist mehr als ein bisschen Wünschen, ein kleines Möchten.

Das ist ein “Ich will dich jetzt und hier in mir, obwohl die Sonne längst aufgeht und mein Kumpel neben uns schwimmt. Alles um uns nur Masse, Füllmaterial, irrelevant. Ich will, dass du mich durchzuckst und der Rest ist egal.”

Als er geht und der Kumpel mich nach Hause begleitet, muss ich Smalltalk neu lernen, weil mir außer “Fick mich hart und dreckig” keine Worte mehr einfallen.

 

 

 

3. Wir treffen uns Nächte später wortlos an derselben Stelle am Rhein wieder.

Als er mich im Wasser küsst und nackt gegen die feuchte Rheinmauer drückt, fühlt es sich an, als hätte ich Sex mit mir selber. Ich sehe meine weiß leuchtenden Beine, die sich um seine Hüfte schlingen, spüre, wie sein Oberkörper sich an meine Mondlichtbrüste presst und ich ficke mich in meinem Kopf selbst.

Für einen Moment überlege ich, ihn nach dem Sex umzubringen, nur um zu unterstreichen, dass das für mich war, dass es um mich geht und ich ihn wie ein Parasit nur benutzt habe, um mir näher zu kommen. Ich war selten mehr ich als in den Momenten, in denen jemand in mir war.

 

 

 

4. Ich will alle Hemmungen von meiner Haut schälen, bis ich pur vor der Welt liege. Ich will ihre Ablagerungen an mir zertrümmern. Ich ficke die Werte, von denen ich denke, dass sie aus der Welt und nicht aus mir kommen. Monogamie, Beziehung, Exklusivität als Qualitätskriterium. Falls doch ein bisschen von mir mit absplittert, ist das okay. Ein bisschen Zerstörung ist notwendig. Nur für den Fall, dass Perfektionsstreben auch von außen und nicht aus mir kommt. Weg damit.

Ich werde in meinem Leben nichts verändern, werde nur ein irrelevanter Teil der Masse sein, aber dann will ich zumindest dafür sorgen, dass die Welt mich im Gegenzug auch nicht verändert. Wir funkeln uns hasserfüllt an, vielleicht funktioniert Koexistieren, Waffenstillstand. Ich behalte sie im Auge, während ich mich lautstark rein und pur ficke. Ich fotographiere uns dabei, zeige die Fotos plaudernd Freunden beim Brunch, mache eines zu meinem Whatsapp-Profilbild.

Als mein Vater mir eine Nachricht schreibt, fühle ich mich so weltfrei wie lange nicht mehr.

 

 

 

5. Es hat mich Jahre gekostet, so weltfrei zu sein und ich liebe die Wut, mit der ich Sex benutze, um mich zurückzukriegen, mich zu multiplizieren. Wut ist so schön lebendig. Ich will, dass er mit anderen genauso schläft wie mit mir, dass er lügt, verheimlicht, selbstsüchtig und rasend ist, alles degradiert und dann wieder zu mir kommt, mich in meine Kissen presst und kommt, während ich den falschen Namen stöhne.

Es ist der beste Sex meines Lebens, weil ich dabei gekommen und nicht mehr gegangen bin.

 

skin (1)

Bilder: Mila Oliveira via flickr.com (CC BY NC ND 2.0)

 

1 Comment

  • Antworten Juli 28, 2015

    Josephine

    Gut geschrieben, gefällt mir. Schonungslos, rotzig und bitter.

Leave a Reply