Eines Tages

Manchmal da bekomme ich Angst. Richtig Angst. Angst vor der Tatsache, die im Alltag immer wieder untergeht. Man lebt so vor sich hin, versucht einige Tage so vollzustopfen, bis sie fast auseinanderplatzen, will durch einige Tage durchhetzen und nur die Sekunden zählen, bis sie enden, sehnt das Wochenende so sehr herbei, dass man die Woche gar nicht erst richtig wahrnimmt, erlebt. Und dann, aus heiterem Himmel, packt mich diese Angst, erwischt mich diese Erkenntnis knallhart und mit voller Wucht: Irgendwann ist das vorbei. Wir sind alle sterblich.

Und dann bereue ich es. Dann bereue ich es, einige Tage einfach so vergehen zu lassen. Ohne einmal tief eingeatmet zu haben, die Augen zu schließen, zu lächeln und die Zeit anzuhalten. Mir klarzumachen, wie glücklich ich sein kann, wie verdammt unfassbar glücklich. Stattdessen denke ich viel öfter über die Dinge nach, die mich stressen, verärgern, runterziehen, traurig machen. Es sind manchmal so klitzekleine Banalitäten, die es schaffen, mir den Tag zu verderben, dass es fast peinlich ist. Aber viel zu selten erhellen mir die Dinge den Tag, die toll laufen, weil sie einfach so zum Alltag dazugehören.

IPia_vch habe letztens einen Film gesehen, der mich tief bewegt hat. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, ein wirklich emotionaler und ergreifender Film. In diesem Film wird einem die Endlichkeit und Tragik des Lebens knallhart vor Augen geführt. Es geht um junge Menschen, kaum volljährig und alle unheilbar an Krebs erkrankt. Und sie sind dennoch auf ihre eigene Art glücklich. Sie lieben, sie lachen, sie leben. Ja, vor allem das: Sie leben.

Tatsächlich schäme ich mich fast, das hier zu schreiben, aber was so einfach klingt, misslingt mir so oft: Einfach zu leben und es zu genießen, das auch zu dürfen. Ich bin mit dem unbeschreiblich großen Glück gesegnet, in einer gesunden und intakten Familie aufgewachsen zu sein. Ich habe noch nie einen unmittelbaren schweren Schicksalsschlag erleben müssen, irgendwie ging immer alles gut aus. Und ich habe Freunde, die haben in ihrem Leben schon so viel ertragen müssen, dass ich mich regelmäßig frage, wie viel ein Mensch überhaupt ertragen kann. Und an dieser Stelle muss ich mir eingestehen, dass diese Freunde mir fast alle eine große Eigenschaft voraus haben: Sie wissen das Leben durch und durch zu schätzen. Ihnen ist nicht nur objektiv die Tatsache bewusst, wie scheiße endlich dieses Leben ist, wie kurz und wie wertvoll. Sie erleben dieses Gefühl auch. Sie müssen es sich nicht wie ich vor Augen führen, weil sie es jeden verdammten Tag fühlen. Und ja, damit fühle ich mich schlecht – ich habe in so vielen Dingen so viel Glück und muss es mir trotzdem immer wieder bewusst klar machen.

Ich will nicht, dass erst etwas passieren muss, damit ich das alles wirklich begreife. Nicht in meinem Kopf, sondern auch wirklich in meinem Herzen. Ich will, dass aus den Momenten, in denen es mir klar wird, in denen ich es fühle, ein Zustand wird. Und der Alltagsfrust zur verdammten Ausnahme. Und ich verspreche euch, ich werde mir ab heute jeden einzelnen Tag einen Moment nehmen und mir immer und immer wieder sagen, wie Gott verdammt großartig dieses Leben ist. Wie endlich und besonders und verrückt und intensiv und wundervoll. Bis ich es permanent mit Leib und Seele fühle. Denn es stimmt: Das Schicksal ist ein wirklich mieser Verräter.

 

Foto: Victoria Wagner / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc-nd)

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