Zu spät

Ich bin ein Krisenkind.

Wenn einer Freundin nach einem Streit mit den Eltern das Geld gestrichen wird, renne ich mit meiner Kreditkarte zur Bank und hole, was es eigentlich nur auf dem Papier gibt.

Wenn jemand Liebeskummer hat, renne ich mit Schokolade und Gras los und tröste, was es nur zu trösten gibt.

Ich regle alles und kreiere rigoros den Schlachtplan.

 

In Krisen bin ich wunderbar. Wahrscheinlich weil in meinem Kopf meist Krise war.

Manchmal war ich in meinen eigenen Liebeskrisen so hilfreich, dass die Krise nie wirklich bemerkt wurde, bis es zu spät war. Denn niemand schmückt eine zu Asche verbrannte Ruinenstadt so schön wie ich.

Wenn ich gespürt habe, dass eine Liebe vorbei ist, habe ich der Person immer gesagt, wie wunderschön die gemeinsame Zeit war, wie sehr ich alles wertgeschätzt habe und wie sehr ich meinem eigentlich schon Verflossenen nur das Beste dieser Erde wünsche. Liebe Worte fallen mir erst leicht, wenn sie zu spät kommen.

 

Ich habe dich immer sehr lieb gehabt, vom ersten Moment an bis zu dem Moment, in dem du “Ich weiß nicht” statt “Ja” gesagt hast.

In der Krise deines Abschieds habe ich dich gefickt wie offene Kehlen und Hände, die dich in mich zerren. Wahrscheinlich hat es sich nach Lust angefühlt, obwohl es doch eigentlich Trauer war.

 

Als ich dir ein Glas voller Glück mit der Frage, ob du mit mir zusammen sein willst, geschenkt habe, war das mein größtes Eingeständnis, mein Schlachtplan vor der eigentlichen Schlacht.

Als du nicht geantwortet hast, als du unsicher warst und ich unsicher mit “Du bist nicht gut genug” übersetzt habe, war die Schlacht vorbei. Abgetrennte Gliedmaßen haben immer etwas absurdes an sich.

 

Den Inhalt des Glases habe ich behalten. Schäbig, ich weiß. Aber schäbig hält mich nachts warm, jetzt wo du es nicht mehr tust.

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