Kamele küssen nicht

Bis jetzt war mein Leben so… normal. Zwei, drei ernstere Beziehungen, die immer ich beendet habe, weil ich es hasse, wenn mir jemand zu nah kommt. Dann merke ich, dass ich gar nicht verliebt bin, sondern einfach das Gefühl mag, jemanden an meiner Seite zu haben. Insgesamt war ich wohl als Single das ganze vergangene Jahr glücklich und wollte daran theoretisch auch nichts ändern.

Praktisch kam es anders. Ganz anders. Alles begann vor etwa einem Monat. Wir lernten uns im Internet kennen (halb so schlimm wie sich's anhört… irgendwie), doch er kommt aus der Nähe von mir. Am Anfang konnte ich irgendwie überhaupt nichts mit ihm anfangen, aber irgendwann hab ich gemerkt, das wir total auf einer Wellenlänge sind. Wir haben schnell bei Whatsapp weitergeschrieben, an meinem Geburtstag hat er mich dann am Abend vorher angerufen und wir haben 'reingefeiert'. 2 Stunden lang. Und dann immer wieder. Er hat mich zum Lachen gebracht und ich hab ihn geärgert, wir haben Gemeinsamkeiten entdeckt und uns über den Musikgeschmack des anderen amüsiert. Kurz: es war anders, dieses Mal. Nicht gezwungen, einfach ehrlich. Ich hatte bei allen anderen Kerlen immer das Gefühl, irgendwas beweisen zu müssen, bei ihm überhaupt nicht. Er hat mir sofort Vertrauen geschenkt, viel über sich erzählt und akzeptiert, dass ich nicht viel über mich erzähle. Schnell kamen wir darauf, dass wir uns treffen müssen, 24 Stunden am Tag Whatsapp ist ja auch nicht ideal. Wie es das Schicksal wollte, hatten wir beide an diesem Wochenende im Juni Zeit. Und wie es das Schicksal wollte, hab ich kurzfristig meinen Schlafplatz verloren, hätte nun übers Wochenende in meine Heimatstadt (400km entfernt) fahren müssen. Also bot er mir seine Couch an, in seiner WG. Ich hab lang überlegt, ich bin ein kritischer Mensch, der lieber einmal zu wenig als einmal zu viel riskiert, hab mit meinen Eltern und meinen Freunden gesprochen. Und ich kam darauf, dass ich in meinem Alter wenigstens einmal etwas verrücktes machen sollte, im Grunde konnte mitten in einer großen Stadt, in einer großen WG ja eh nicht allzu viel passieren.

Ich habe es nicht bereut. Freitagabend hat er mich abgeholt, schon zur Begrüßung haben wir uns lange umarmt. Er sieht besser aus als auf Bildern, seine Stimme ist angenehmer als am Telefon. Er hat ein schönes Tattoo und ist gerade so groß, dass ich Zwerg daneben nicht lächerlich aussehe. Während der Autofahrt haben wir viel gelacht, wir haben schon viele Witze, die nur wir verstehen. Selbst wenn wir mal beide still waren (was wirklich selten vorkommt…) war es kein unangenehmes, beklemmendes Schweigen, sondern eher wie eine Pause. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich sein Profil von der Seite ansah und jedes Detail bemerkte und er tat es genauso. Wir waren erst sehr spät bei ihm, trotzdem wollten wir noch eine Folge unserer Lieblingsserie ansehen, bevor wir schlafen gingen, er auf die Couch und ich in seinem Bett. Eigentlich verrückt, nach so kurzer Zeit, aber irgendwie war es für uns selbstverständlich. Natürlich schliefen wir nach gerade mal 30 Minuten beide in seinem Bett ein, er ganz rechts, ich ganz links. In der Nacht wachte ich kurz auf und überlegte eine Sekunde, ob ich liegen bleiben oder umziehen sollte, aber da sowohl er als auch ich noch alle Schlafsachen trugen und es nicht so aussah, als könnte er im nächsten Moment über mich herfallen, beschloss ich, einfach weiterzuschlafen. Wir standen spät auf, am nächsten Tag. Keiner verlor noch ein Wort, dass der Plan eigentlich anders war. Der Samstag war eher unspektakulär. Ich half ihm beim aufräumen, er holte noch kurz etwas bei einem Kumpel, schließlich waren wir dank Regen wieder bei ihm und aßen noch etwas. Ich wusste, wie der Abend geplant war, schon seit einer Woche, aber irgendwie hab ich es immer verdrängt. Er war bei seinem Kumpel auf den Geburtstag eingeladen, wo ich nicht erwünscht war (Männerrunde, irgendwie zickig), was mir aber nichts ausmachte. Denn ich wusste, dass dort alle kiffen. Ja, ich habe etwas dagegen. Auch wenn es nur am Wochenende ist, auch wenn es nur unter Freunden ist, ich hab einfach etwas dagegen. Das wusste er auch. Er würde für mich aufhören zu rauchen, sagte er und hielt es bis jetzt sogar ein, doch kiffen, dass sei ja nichts schlimmes, so lang man es unter Kontrolle hat. Ich wollte nicht darüber diskutieren, warum auch, ich bin weder seine Freundin noch Ärztin noch Psychologin. Ich nahm es hin. Und verdrängte es. Also blieb ich am Abend in der WG, mit seiner Mitbewohnerin, und irgendwie fand ich es auch ganz gut so. Ich schrieb ihm, als ich ins Bett ging, das ich mich freuen würde wenn er sich zu mir legen würde. Bevor er ging umarmte er mich lang, flüsterte 'Danke, dass du das mitmachst…' und versprach mir, weder viel zu trinken noch etwas anderes. Ich nickte und akzeptierte.

Er kam um kurz nach 2, weder betrunken noch bekifft und gab sich Mühe, mich nicht zu wecken. Natürlich wurde ich trotzdem wach, machte mich aber nicht bemerkbar. Schon den Tag über waren wir uns immer näher gekommen, jetzt legte er sich ganz nah zu mir und küsste mich auf die Stirn. Er kuschelte sich an mich, nicht irgendwie aufdringlich, vergrub seinen Kopf in meinen Haaren und nahm meine Hand in seine. Ich wurde richtig wach, als er leider leider sein Shirt ausziehen musste, weil es unheimlich warm war. So kuschelten wir noch bestimmt 2 Stunden, sprachen immer wieder ein paar Wörter, nur um dann wieder die Stille und Wärme des anderen zu genießen. Ich habe mich noch nie so wohl neben jemandem gefühlt. Irgendwann schliefen wir wieder ein, draußen war es mittlerweile schon fast wieder hell, und wurden erst gegen Mittag wieder wach, wollten aber noch nicht aufstehen. Ich ging zuerst duschen, er machte uns Pfannkuchen, die wir dann zusammen aßen. Ich war schon den zweiten Tag nicht geschminkt (für mich eher ungewöhnlich, vor allem bei einem 'Date') und trotzdem sah er mich immer wieder an, wenn er dachte, ich sah es nicht. Am Abend wollte er mich wieder zurück fahren, also schauten wir in seinem Bett noch Serien und kuschelten, konnten die Finger nicht voneinander lassen. Wir waren schrecklich übermüdet und sahen furchtbar aus, aber ehrlich gesagt hätte es bis dato nicht schöner sein können. Schließlich, bei mir angekommen, umarmten wir uns wieder lang, ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Ich trug ein Shirt von ihm, er lachte und sagte nur noch 'Das gibst du mir aber wieder!', ich grinste ihn breit an und schüttelte den Kopf. Dann war er weg.

Und ich blieb mit Fragezeichen überm Kopf zurück. Kein Kuss? Warum kein Kuss? WARUM KEIN KUSS? Kurz überlegte und kombinierte ich. Schlau wie ich bin, kam ich natürlich auch auf ein Ergebnis: Ich bin ein Kamel. ICH hätte ihn küssen sollen. Durch meine kalte Art dachte er die ganze Zeit, dass ich nicht interessiert bin. Ich hab ihm nie ein Kompliment gemacht, ihn nie so angesehen wie er mich ansah. Ich hab alles unterdrückt und irgendwie den Seestern gespielt, obwohl in meinem Kopf der wohl kitschigste Liebesfilm mit uns in den Hauptrollen lief. Als ich einer Freundin alles erzählte, hielt auch sie mich für ein Kamel. Tut sie noch immer. Aber ich will kein Kamel sein! Also schrieb ich ihm, obwohl man doch immer warten soll, aber ich wollte nicht warten, wir sind alt genug, da gelten die blöden Regeln nicht mehr. 'Du hast mir nicht den Kopf verdreht, du hast ihn mir weg genommen.', nur einer der kitschigen Sätze, die ich nicht klarer schreiben wollte. Und natürlich, als Antwort schrieb er kurz darauf, dass ihm meine Nachricht gezeigt hat, dass ich doch nicht so 'hart' bin, wie ich immer tu. Ich bin doch auch nicht hart! Ich bin einfach nur ein Kamel! Und jetzt, einen Tag danach? Jetzt fehlt mir unheimlich. Ich hab in seinem Shirt geschlafen, auch mein Kuschelkissen riecht nach ihm. Ich wollt' nie mehr jemanden vermissen, Liebeskummer ist das furchtbarste auf der ganzen Welt. ICH wollte nur noch die sein, die vermisst wird. Jetzt sitz ich hier, würde ihm am liebsten 10 Briefe schreiben, zu ihm fahren, neben ihm liegen, ihn aufwecken und einfach küssen. Ich hab schon so lang nicht mehr geküsst. Ich küss nur aus Gefühlen. Und ich WILL ihn küssen. Wieso bin ich so ein Kamel?

NEIN, natürlich ist unsere Geschichte noch nicht vorbei! Wir werden uns wiedersehen. Bald. Und ihr werdet natürlich unter den ersten sein, die davon erfahren…

Dieser Gastartikel stammt von Emi aus Erfurt.

4 Comments

  • Antworten Juli 7, 2014

    Saskia

    Die Geschichte ist wie aus einem Buch <3

  • Antworten Juli 12, 2014

    Max

    Ihr seht euch zum ersten Mal und der Typ muss dir versprechen, nicht mehr zu kiffen? Dum?

  • Antworten Juli 12, 2014

    Nadja

    Wunderbar geschrieben!

  • Antworten Juli 14, 2014

    Emi

    Weniger ‚dum‘ – er sollte es nie versprechen, da ich es auch nie verboten habe. Entspann dich, Max! – Emi

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