Frühling.

Frühling. Endlich bist du da. Ich laufe los, und laufe und laufe. Mein Kopf braucht das Wort Sonne nur zu denken und Sommersprossen zieren wieder mein Gesicht. Meine Haut saugt die Sonne auf, als hätte sie sie Jahre nicht gesehen. Der Wind fährt durch meine Haare, er pustet mein Hirn durch, er ordnet meine Gedanken und inspiriert mich zu Neuem. Es ist viel passiert, lieber Frühling, seit du weg gewesen bist. Immer verschwindest du einfach wieder und gibst mir das Gefühl, nicht zurück zu kommen. Du schickst uns Regen und Kälte und Wind und Dunkelheit und tauchst wieder auf, wenn du es für richtig hältst. Jetzt bist du wieder aufgetaucht. Und ich bin entspannter. Über dein drohendes Verschwinden genauso wie über viele andere Verluste. Seit du mir die Sonne zurückgebracht hast, seitdem es wieder Spaß macht in den Wald zu gehen, wenn noch alles schläft und die Natur erwacht, die Morgenluft in mir aufzusaugen und meine Gedanken zu ordnen, verfolgt mich einer dieser Gedanken jeden Morgen aufs Neue, wenn ich der Natur beim Aufwachen zusehe. Warum zur Hölle machen wir uns über jeden kleinsten Scheiß auf der Welt und in unserem Leben so unglaublich viele Gedanken, wenn das Leben doch eh endet? Das Ergebnis wird doch unumgänglich das gleiche sein. Es gibt kein Gott verdammtes, schnulziges „Für Immer“, es gibt keine Unendlichkeit. Für keinen von uns. Und daran ändert sich auch nichts dadurch, dass wir zu Hause sitzen und über Dinge grübeln, die wir nicht mehr ändern können, weil sie passiert sind. Oder weil es uns den Schlaf raubt, etwas tun zu müssen, was uns Bauchschmerzen macht. Gestern zu betrauern und Morgen zu fürchten ändert nichts an den Dingen, die waren, sind und kommen. Sondern macht nur unser Glück zu Unglück. Es gibt ein paar Dinge in sehr naher Zukunft, die auch mir das Fürchten lehren. Aber ist es nicht viel logischer, die Tage davor in besonders großem Glück zu schwelgen und besonders geile Dinge zu tun, als mir die Lebensqualität zu rauben und zu grübeln?

Obwohl ich noch jung bin, lehrt mir schon jetzt  jeder neue Frühling, dass Verluste und Enttäuschung sich mit jedem Lebensjahr häufen. Die Menschen, die da waren und nicht wegzudenken schienen und nun doch im Präteritum in meinen Gedanken erscheinen, häufen sich. Und ich frage mich, ob der Gedanke, der mich über bestimmte Dinge entspannter werden lässt, nämlich die Endlichkeit meines Lebens, so vielen Menschen eine Gleichgültigkeit lehrt, die andere verletzt. Verliert eine Freundschaft  oder Liebe(unbewusst) an Wert, wenn man sich vor Augen führt, dass sie gar nicht für immer halten kann, weil irgendein Umstand sie ohnehin beenden wird, und wenn es am Ende des Für Immers der Tod ist? Erlaubt uns dieser Umstand, uns zu Egoisten zu machen, die sich nehmen, was sie wollen und Herzen verletzen und Seelen ficken, weil es gar nicht für immer wehtun kann, weil die Endlichkeit des Lebens auch den Schmerz nimmt? Und warum fügt diese wiederum anderen Menschen Schmerz zu, wo sie doch das Einzige im Leben ist, von der wir sicher wissen, dass sie existiert?

Ich schweife ab. Aber Verluste, lieber Frühling, die habe ich viele erfahren in deiner Abwesenheit. Und erstaunlicher Weise macht es mich endlich nicht mehr verbitterter oder skeptischer oder trauriger oder was auch immer negatives es halt mit mir tun könnte. Ich bin stark geworden und auf dem Weg dahin, etwas zu sein, was man in Reinem mit mir nennen könnte. Wenn man wollte. Man könnte aber auch einfach hinnehmen, dass die Erkenntnis, dass man eigentlich alleine den Weg bis ans Ende geht, allem, was uns passiert, eine andere Qualität verleiht. Und wenn man sich an Dingen erfreut, die man nicht braucht, um sein Leben zu leben, sondern um sein Leben zu bereichern, dann trifft einen kein Verlust mehr ganz so hart. Denn eines, lieber Frühling, ist unumgänglich. Du wirst noch existieren, wenn ich schon längst für niemanden eine Bereicherung mehr bin.

 

Foto: "ManischDepressiv" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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