Die unerträgliche Schwierigkeit des zufrieden seins

Wenn man viel zu viele wunschbesetzte Wimpern für jemanden weggepustet hat, der jetzt weg ist, wahrscheinlich dank einer meiner Wunschwimpern irgendwo glücklich auf Hawaii, dann ist es oftmals schwer, in den Spiegel zu sehen und glücklich zu sein. Denn Ich persönlich trage solche Trennungen auf meinem eigenen Rücken aus.

Myriam_V3Man hätte so viel mehr wollen, so viel mehr wünschen und so viel mehr fordern können. Beyonces Haare. Stephen Hawkings Intelligenz. Oder die Tiefe, bei freien Wünschen nicht zuerst wie Miss Oberflächlich in Person an Beyonces Haare zu denken. Oder Gisele Bündchens Beine. Oder Mila Kunis' Augen. Oder… MEINE GÜTE, MYRI, HÖR AUF!

Manchmal bin ich wie ein kleines Kind, das man gewaltsam vom Süßigkeitenladen wegzerren muss, um ihm zu zeigen, was gut für es ist. Spinat, Karotten, KEINE OBERFLÄCHLICHKEIT.

 

Die schönsten Frauen, die ich kenne, stehen Samstag Nacht mit mir vor'm Spiegel und kotzen nicht das zu viel an Wodka mit Zitroneneis (sehr empfehlenswert im Übrigen), sondern das zu viel an quälenden Selbstzweifeln aus.
Eine meiner besten Freundinnen, schwarzes Wallehaar (Beyonce kann einstecken), Lippen wie flüssiger Samt, seufzt tief. Ein Seufzen, das zu der Erkenntnis passen würde, das alles, wir eingeschlossen, so verdammt vergänglich ist. 
Stattdessen ist es ein Seufzen über ihr rundes Gesicht. 
"Ey, Wangenknochen sucht man bei mir auch vergeblich. Manchmal stelle ich mir vor, später mal ein Suchbuch rauszugeben wie dieses 'Findet Waldo'. Nur bei mir heißt es dann 'Findet Friedas Wangenknochen'. Und damit die Leser am Ende genauso enttäuscht von meinem Buch sind wie ich von meinem Gesicht, ist der Clou, dass meine Wangenknochen in dem Buch nicht zu finden sind. In meinem Gesicht gibt es sie ja auch nicht."
Jetzt seufze ich. "Du spinnst doch."
Vor ein paar Jahren hätte ich mir noch eine eloquentere, tiefgründigere Antwort einfallen lassen und ich hätte es mir zur Aufgabe gemacht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Aber da war ich ja auch noch jung und naiv genug zu glauben, dass diese Selbstzweifel am eigenen Aussehen mit der Pubertät enden würden.


IMG_0616Meine Freundin zuckt mit den zarten Schultern. "Ja, hab mir auch überlegt, Gott als Symbol für meine zu suchenden Wangenknochen zu verwenden. Dann wirkt es nicht ganz so oberflächlich."

Habt ihr euch mal überlegt, wie viele Industriezweige bankrott gehen würden, wenn alle Frauen von heute auf morgen entscheiden würden, zufrieden mit ihrem Aussehen zu sein? 
Einige. Und die stellen natürlich sicher, dass wir uns weiter hässlich finden und glauben, dass der heilige Gral in den Regalen eines Ladens liegt, der uns endlich perfekt macht. Halleluja.

"Reduce cellulite. Be gone dry skin. Vanish unwanted facial hair. Diminish stretch marks. Fade age spots. Eliminate feminine odor. Lose weight. Dissolve belly fat. Erase wrinkles. I think someone wants me to disappear."

– Guerilla Girls

Wenn ich mich also wieder mal echt nicht schön fühle, sehe ich es jetzt als politischen Akt, als meine kleine Myri-Revolution, in den Spiegel zu gucken und mich zu mögen, alles an mir.
Und bei so einem politischen Akt ist kein Schummeln à la "Ach, wenn der Typ und der da mich hübsch finden, dann stimmt es vielleicht" erlaubt. Meine Revolution kommt aus mir.

Dieses mal keine Komplimente, keinen Ego Push von billigen Imitaten, dieses mal nur ich. 
Und wenn ich jetzt ohne Make Up, mit Wuscheldutt und Schlabberklamotten durch die Stadt laufe, lächle ich. Endlich.

 

Fotos: Mariesol Fumy, Tino Höfert / www.jugendfotos.de

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